Als Paar den Segen Gottes für sich spüren

  • 30.06.2026

Am vergangenen Wochenende fand rund um den Termin 26.6.2026 deutschlandweit die Aktion #einfachheiraten der evangelischen Kirche statt. Paare konnten sich an etwa 370 Orten ohne viel Aufwand und teils ganz spontan kirchlich trauen oder segnen lassen. Die Segnungen fanden in festlich geschmückten Kirchen statt, draußen auf Plätzen oder in der Natur und auch an besonderen Orten wie dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Pfarrer Mirko Lipski-Reinhardt hat bei der Pop-up-Hochzeit des Evangelischen Kirchenkreises Dinslaken am 27. Juni rund um die Schinkelkirche in Götterswickerhamm (Voerde) Paare gesegnet und getraut. Vor zwei Jahren hat er schon einmal eine Pop-up-Hochzeit seines Kirchenkreises als Pfarrer mitbegleitet. Im Interview berichtet er von seinen Erfahrungen.

Herr Lipski-Reinhardt, was ist das für ein Gefühl an der Aktion #einfach.heiraten als Pfarrer mitgewirkt zu haben?

Mirko Lipski-Reinhardt: Ich muss bei Pop-up-Hochzeiten immer ein bisschen an das Gemeindefest-Feeling denken, das ich als Pfarrerskind in den 1990er-Jahren hatte und das mir positiv in Erinnerung geblieben ist. Aber es ist nicht das Gefühl bei einer riesengroßen Aktion mitgemacht zu haben, das vorherrscht. Mich begeistern die vielen, sehr intensiven einzelnen Momente, die aus den Segenshandlungen entstehen. Als Pfarrer verbringe ich je eine halbe Stunde mit jedem Paar: 15 Minuten entfallen auf das Kennenlernen und das Vorgespräch, 15 Minuten dauert die Segnung. Mit jedem Paar habe ich einen dieser ganz individuellen Momente.

Was ist das Besondere an Pop-up-Hochzeiten?

Lipski-Reinhardt: Der große Vorteil von Pop-up-Hochzeiten ist in meinen Augen die Niedrigschwelligkeit. Als Kirche laden wir aktiv zum Segen ein und warten nicht, bis jemand auf uns zukommt. Wir sagen: „Ihr seid willkommen, so wie ihr seid. In eurer Konstellation, in der ihr als Paar kommt, könnt ihr euch segnen lassen. Oder – wenn die Voraussetzungen dafür erfüllt sind – den Segen auch als Trauung werten lassen.“ Auf diese Weise helfen wir auch denjenigen über die Schwelle, die unseren traditionellen kirchlichen Strukturen kritisch gegenüberstehen oder Menschen, die keinen Zugang zur Kirche haben oder die gar nicht wissen, wie kirchlich heiraten überhaupt geht.

Welche Menschen nutzen das Angebot?

Lipski-Reinhardt: Das sind sehr unterschiedliche Paare mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten. Ich habe schon ein Hippie-Pärchen aus Dortmund gesegnet, das von der Aktion im Radio gehört hatte und spontan vorbeigekommen ist. Ein anderes Paar hat sich anlässlich seiner Silberhochzeit segnen lassen. Außerdem gab es ein Paar, bei dem die Frau am Abend zuvor ihrem Mann einen Heiratsantrag gemacht hat. Am Wochenende durfte ich spontan ein Paar trauen, bei dem ich vergangenes Jahr das jüngste Kind getauft habe. Doch, so unterschiedlich die Paare alle auch sind, haben sie trotzdem eine Sache, die sie verbindet: die Sehnsucht danach, den Segen Gottes für sich als Paar zu spüren. Das ist eine wunderschöne und besondere Erfahrung, auch für mich als Pfarrer.

Wie viele Paare haben sich bei der Pop-up-Hochzeit am vergangenen Samstag in Götterswickerhamm segnen lassen?

Lipski-Reinhardt: Zur Pop-up-Hochzeit hatten sich 70 Paare angemeldet, wir waren total ausgebucht und mussten im Vorfeld sogar die Werbung einstellen, um wenigstens noch Timeslots offenzuhalten für Paare, die sich spontan aufgemacht haben. Ich selber habe zwei Paare gesegnet, davon war eine Segnung auch eine Trauung.

Auch an anderen Orten war die Nachfrage hoch, trotzdem gibt es auch kritische Stimmen gegenüber Pop-up-Hochzeiten. Zum Beispiel wird die Sorge geäußert, dass durch dieses Format weniger klassische Trauungen in der Kirche stattfänden.

Lipski-Reinhardt: Meine Erfahrung ist, dass durch eine Pop-up-Hochzeit keine klassische Trauung in der Kirche verloren geht. Vielmehr gewinne ich Menschen für eine positive Erfahrung mit Gott und mit Kirche, die sie sonst nicht haben. Insofern finde ich es sehr wichtig, dass wir als Kirche dieses Angebot machen und präsent sind. Denn wir machen eigentlich nur das, was wir seit 2000 Jahren machen: Menschen für ihren Lebensweg segnen und sie begleiten.

Entwickeln sich auch im Nachgang Kontakte zu Paaren, die bei einer Pop-up-Hochzeit dabei waren?

Lipski-Reinhardt: Ich bin im vergangenen Jahr von einem Pärchen angesprochen worden, dass ich bei der ersten Pop-up-Hochzeit in unserem Kirchenkreis vor zwei Jahren gesegnet habe. Die Mutter von ihm war gestorben und die beiden haben mich gefragt, ob ich die Beerdigung halten könne. Die Mutter war überhaupt nicht mein Gemeindemitglied und auch nicht evangelisch. Aber das Paar hatte eine positive Kirchenerfahrung gemacht und daher nachgefragt, ob ich sie wieder begleiten könne. Und das habe ich dann auch gemacht. Solche Begebenheiten sind zwar eher selten, aber was Paare aus dieser halben Stunde mitnehmen, die man miteinander verbringt, das wissen wir schlichtweg nicht. Wir bekommen ja nur das mit, was wir zurückgespiegelt bekommen.

Und was nimmt der Kirchenkreis mit? Hat sich durch die Pop-up-Hochzeiten auch etwas bei Ihnen verändert?

Lipski-Reinhardt: Als Kirchenkreis haben wir nach unserer ersten Pop-up-Hochzeit gemerkt, dass wir die Segenserfahrung, die die Paare gemacht haben, noch an ganz anderen Stellen stark machen wollen. Deswegen gab es bei uns schon am Valentinstag ein kleines Pop-up-Angebot in der Fußgängerzone für Paare. Wir haben auch schon einen Reisesegen beziehungsweise Balkoniensegen zur Urlaubszeit angeboten. Und bei unserem ersten Queergottesdienst, den wir gefeiert haben, gab es Segensstationen. Im vergangenen Jahr haben wir als Kirche auch den Drogentotengedenktag in Dinslaken mitbegleitet und dort Menschen mit Drogenerfahrung angeboten, sie zu segnen. Wir merken: An den verschiedenen Stellen nehmen Menschen das Angebot an. Offensichtlich gibt es eine Sehnsucht nach Segen. Inzwischen ist es für uns selbstverständlich geworden, Segnungen in unsere kirchlichen Angebote zu integrieren.

#einfachheiraten in der Evangelischen Kirche im Rheinland

Die Aktion #einfachheiraten fand 2026 erstmals als gemeinsame Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und zwölf Landeskirchen statt. In der Evangelischen Kirche im Rheinland knüpft die Aktion an die Pop-up-Hochzeiten an, zu denen Kirchenkreise in den vergangenen Jahren vermehrt eingeladen haben. Am vergangenen Wochenende nutzten in der rheinischen Kirche etwa 600 Paare an knapp 40 Orten die Gelegenheit, sich im Rahmen von #einfachheiraten segnen oder kirchlich trauen zu lassen. Etwa 250 Paare von ihnen ließen sich kirchlich trauen. An drei Orten in der Evangelischen Kirche im Rheinland finden Segnungen noch im Juli beziehungsweise September statt.

 

  • Simone Becker
  • Pat Klijn